© Judith Schuyf
„Während der vergangenen fünfundfünfzig Jahre gab es jeden Tag einen Zeitpunkt, an dem ich an den September 1944 gedacht habe.“, sagt ein Mann, der die Schlacht um Arnheim mitgemacht hat. Dieser Satz fällt in einem Interview für das Buch Eine Stille die spricht – Gedenken in Vielfalt, welches aus Anlass des Gedenktages am 4. Mai 2000 Königin Beatrix präsentiert wurde. [i]
In den Niederlanden wird von vielen dem Totengedenken am Abend des
vierten Mai sehr viel Bedeutung beigemessen, jedoch auch an anderen Tagen des
Jahres spielt das Gedenken eine sehr wichtige Rolle; insbesondere im Leben
derjenigen, die den Krieg selbst mitgemacht haben. Der Krieg hat in die
persönlichen Lebensgeschichten der Menschen sehr stark eingegriffen und man
erinnert sich an ihn aus einem ganzen Spektrum von verschiedenen Motiven und
Beweggründen.
Fünfundfünfzig Jahre nach Ende des Krieges messen sehr viele
Niederländer aus verschiedenen Generationen dem Gedenken an den Krieg noch
stets viel Bedeutung bei. Aus einer unlängst erstellten Umfrage geht hervor,
dass auch für junge Menschen das Gedenken sehr wichtig ist. Zwei Drittel von jenen
Befragten, die nach dem Krieg geboren sind, nehmen auf die eine oder andere
Weise an Gedenkfeierlichkeiten teil. Dieser Anteil ist beinahe so groß wie
unter den Älteren, die den Krieg selbst miterlebt haben.[ii] Somit werden jene großen
Diskussionen Lügen gestraft, die z.B. zum Anlass der fünfzigjährigen Befreiung
im Jahre 1995 darüber geführt wurden, ob es überhaupt sinnvoll ist sich weiter
zu erinnern. Auch die Anzahl der Kriegsdenkmäler ist in den vergangenen Jahren
explosiv gewachsen. Der Besuch an einem solchen Monument wird von vielen
Menschen als sinnvoll erfahren, wovon folgendes Zitat Zeugnis gibt:
„Zu Hause kann ich mich auch gut besinnen. Aber irgendwohin zu gehen
verschafft eine besondere Konzentration. Es passiert eben doch etwas, wenn man
zu einem bestimmten Ort geht und leise sprechend auf den Moment der Stille
wartet, die Stille miteinander teilt, eine Entladung fühlt beim Singen der
Nationalhymne, eventuell einen Kranz niederlegt oder eine Ansprache hält. Dann
muss man doch eben schlucken. In diesem Moment wird mir wieder klar was ich und
andere Menschen mitgemacht haben.“[iii]
In den letzten sechzig Jahren haben sich einige Veränderungen ergeben
in der Weise wie die Niederlande des Zweiten Weltkrieges gedenken; und darum
geht es in diesem Beitrag. Zentral dabei sind die Veränderungen in dem
Verhältnis von kollektivem und persönlichem Gedenken. Nach Auskunft von vielen
Menschen fand das Gedenken in den ersten Jahren nach Kriegsende kaum auf
persönlicher Ebene statt. Die Trauer wurde angesichts des Wiederaufbaus
verdrängt und verborgen hinter dem Ritual der kollektiven Erinnerung am Abend
des vierten Mai.[iv]
Das gemeinsame Gedenken an den Krieg kann ordnend und heilend wirken.
Die Rituale des Gedenkens geben den Betroffenen vielfach den einzigen Halt,
wenn der Inhalt der Gedenkfeiern oft emotional ist. Der häufig sehr offizielle
Charakter der Gedenkfeiern an einem bestimmten Ort – meistens bei ein Monument
– hat primär die Ehrerbietung für die Toten zum Ziel. Man hält sich dabei an
die offizielle Auffassung über die Bedeutung des Krieges für die Existenz des
Staates. Auf gruppendynamischem Niveau vergrößert ein gemeinsames Ritual das
miteinander Teilen von Erinnerungen und Erfahrungen. Die kollektiven
Erfahrungen können übrigens von Gruppe zu Gruppe sehr stark voneinander
abweichen; das Gedenken dient auch hier als Moment, zu dem Erfahrungen stets
aufs neue gewonnen und gefestigt werden können.
Offizielle Gedenkfeiern lassen in den Augen von vielen Leuten zu wenig
Raum für das persönliche Gedenken. Man findet diese Gedenkfeiern oft zu
massenhaft und zeremoniell. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn der
offizielle Teil zu stark von Ideologien und der Anwesenheit von Würdenträgern
dominiert wird. Dadurch werden die individuellen Erfahrungen des „einfachen
Mannes“ unterdrückt.
„Ich gehöre nicht zu denen,
die sich zum Gedenken vor das Nationalmonument auf dem Dam stellen. Ich halte
wenig von diesen Würdenträgern, die jedes Jahr einen Kranz für die Opfer
niederlegen und sie dann beim Umdrehen wieder vergessen. Die Kränze für die
Toten wiegen den jahrelangen Kummer der vergessenen und vernachlässigten
Kriegsüberlebenden, die heute noch leiden, nicht auf.“[v]
Aus diesem Grund wählt man oft einen persönlicheren Moment der Stille
und des Nachdenkens; noch öfter jedoch gedenken Menschen durch aktive
Handlungen: darüber zu sprechen, vor allem an Jugendliche, die Geschichte
dokumentieren, zu reisen an den Ort des Geschehens, ein Monument zu errichten
etc. Diese Art des Gedenkens erfüllt verschiedene Zwecke: auf der einen Seite
hilft es bei der Verarbeitung, verleiht Anerkennung und vermittelt das Gefühl
dazu zu gehören. Auf der anderen Seite wirkt es läuternd, entkrampfend und
schafft ein Gefühl der Gerechtigkeit gegenüber denen, die nicht mehr sind.
Im Verlaufe der Zeit haben auch jüngere Generationen begonnen am
Gedenken teilzunehmen; aber auch die Generation der direkt Betroffenen nimmt
heute andere Gefühle wahr, oder geht mit alten Gefühlen anders um. In den
sechzig Jahren nach Kriegsausbruch haben sich Gedenkstrukturen deutlich
verschoben: weg von den ausschließlich offiziellen Gedenkritualen, hin zu
Gedenken in kleineren Gruppen, abgestimmt auf die Erfahrungen von Individuen.
In diesem Beitrag wird speziell auf dieses Thema noch genauer eingegangen.
Die offiziellen Feierlichkeiten zum Gedenken an den Zweiten Weltkrieg
finden am 5. Mai statt. Nach jahrelanger Diskussion wurde dies im Jahre 1954 so
festgelegt. Dennoch war damit die Angelegenheit noch nicht vollständig
ausdiskutiert, nachdem (bis zum heutigen Tag) auch die Meinung präsent blieb,
dass der Befreiungstag kein offizieller Feiertag sein sollte, an dem jedermann
einen freien Tag bekommt. Widerstandsorganisationen setzten sich dafür ein,
aber Regierungsmitglieder hielten es aus wirtschaftlicher Sicht für
unverantwortlich einen freien Tag so kurz nach dem Koninginnedag einzurichten;
noch dazu an einem Datum, das für den Großteil der Bevölkerung nicht der Tag
der Befreiung war. Der symbolische Wert eines nationalen Feiertages wurde als sehr
wichtig eingestuft und ließ die Gemüter hoch gehen, als die Regierung 1954
beschloss den Befreiungstag am Koninginnedag feiern zu lassen. Aus Protest dazu
blieb der Nationale Föderative Rat des ehemaligen niederländischen Widerstands
den offiziellen 4.-Mai-Gedenkfeierlichkeiten im Rittersaal fern. Seit 1955
wurde bei jedem fünfjährigen Jubiläum ein freier Tag eingerichtet.[vi] Seit 1990 ist der 5. Mai
jedes Jahr ein offizieller Festtag, obwohl trotzdem nicht jährlich allen
Menschen frei gegeben wird. Ein schwieriges Problem stellte außerdem die Frage
dar, WAS man genau feiern sollte an diesem Tag. Tatsächlich wurde nämlich nur
ein kleiner Teil der Niederlande am 5. Mai befreit. Der Süden des Landes wurde
schon 1944 befreit und der Osten und Norden im März und April 1945. Für die
Menschen, die den Krieg in deutschen Lagern durchlebt hatten, galten wieder
andere Daten; Indonesien wurde am 15. August befreit.
Die Regierung probierte, dem Gedenken eine zentrale Bedeutung zu geben-
die Niederlande als eine heldenhafte und standfeste Nation unter der Besaztung-
doch in zunehmenden Maße bekam dieses hauptsächlich durch den Widerstand
geprägte Bild Risse. Im politischen Kontext zum Kalten Krieg konnte so ein
Einheitsbild nur in einer großen Kontroverse enden; die Verherrlichung des
Widerstandes führte darüber hinaus zu einer anfängliche Vernachlässigung der
Opfer und schließlich wurde das Bild von der standfesten Nation vor allem von
der jüngeren Generation immer mehr angezweifelt. Tatsächlich liegt der
emotionale Schwerpunkt des Gedenkens für die meisten Menschen im 4. Mai
verankert. Der 5. Mai hängt ein wenig in der Luft, trotz der Versuche des
Nationalen Kommittees 4. und 5. Mai, dem abstrakten Begriff „Freiheit“ eine
mehr konkrete Bedeutung zu geben wie „Freiheit gebe ich weiter“.
Der Gegenstand des Gedenkens kann also als eine rituelle, erfundene
Tradition betrachtet werden. Sie wird verwirklicht mittels bestimmter Rituale
und Gedenkstätten, die dazu dienen bestimmten Orten und Zeitpunkten einen
physischen Rahmen zu verleihen. An diesen Orten wird wiederum die Tradition des
Gedenkens vollzogen. Darum sind Gedenkstätten keine neutralen Orte, wo
eigentlich Ruhe und Stille herrschen sollte, sondern vielmehr umstrittene
Plätze, die sich mitten in der Auseinandersetzung über Zeitpunkte und Texte,
zwischen verschiedenen Gruppen von Gedenkenden befinden. Wenn man die
Geschichte des Gedenkens und der Gedenkstätten in den Niederlanden betrachtet,
fällt einem dieser Umstand immer wieder auf. Das beginnt schon bei der
zentralen Gedenkstätte; und es scheint, als ob jedes neu zu errichtende
Monument wieder Anlass zu Kontroversen gibt.
Ein zentrales Monument befindet sich auf einem speziellen Ort, in der
Hauptstadt, und am nationalen Gedenktag gedenkt man dort den eigenen Opfern
(vor allem Soldaten) im Rahmen einer zeremoniell sehr aufwendigen Feierlichkeit
(meistens militärisch). Gleichzeitig dient dieser Ort während des ganzen Jahres
als Toten-Gedenkstätte während des Besuches von ausländischen
Staatsoberhäuptern.[vii]
Die Idee, dass am Abend des 4. Mai der Toten gedacht wird, wurde 1946
zum ersten Mal verwirklicht. Stillschweigend wurden in vielen Städten am
Vorabend des 5. Mai der Toten des Zweiten Weltkriegs gedacht. Das Bild der
„stillen Wanderung“ von Menschen aus Den Haag durch die Dünen zur
Walsdorpervlakte, wo der SD zahllose Widerstandskämpfer exekutieren ließ, wurde
durch die TV-Berichterstattung im ganzen Land bekannt gemacht.
Dennoch ist die Waalsdorpervlakte nicht das zentrale Monument der
Niederlande geworden. Das ist nämlich das Nationalmonument auf dem Dam in
Amsterdam, wo sehr bald nach Kriegsende, im Jahre 1947, eine vorübergehende
Gedenkstätte errichtet wurde. Die definitive Version wurde am 4. Mai 1956
enthüllt. Seit 1961 finden an diesem Monument in Amsterdam die nationalen
Gedenkfeiern statt, unter Anwesenheit der Königin, der Regierung und zahllosen
Repräsentanten von Kriegsopferverbänden.
Obwohl die Gedenkstätte auf dem Dam die zentrale Gedenkstätte der
Niederlanden ist, ist diese auch gleichzeitig eines der meist umstrittensten
Monumente des Landes. Das begann schon mit dem Standort: der Dam ist zwar in
den Augen vieler das geographische Zentrum der Niederlande, jedoch fehlen
diesem Ort jegliche Assoziationen mit dem Zweiten Weltkrieg. Über die fünf
Unterteile des Monuments bzw. über ihren fehlende Zusammenhang untereinander
wurden ausführliche Diskussionen geführt. Die Mauer mit Urnen, die gefüllt
wurden mit Erde von Erschießungsplätzen, erinnerte viele an die verhassten
„Blut und Boden“-Theorien; die Säule war und ist wegen ihrer unverkennbaren
Ähnlichkeit mit dem männlichen Geschlechtsorgan noch stets Gegenstand von
vielen schlechten Witzen; die Statuen wurden als künstlerisch misslungen
empfunden; die meisten Menschen fanden die Aufschrift von Roland Holst
unverständlich und – was noch viel schlimmer ist in den Niederlanden – auf
einen atheistischen Humanismus hindeutend. Kurzum, die nationale Gedenkstätte
konnte ihren unumstrittenen Platz in der Gesellschaft nie wirklich finden. In
den siebziger Jahren schien dieses „Dekorstück, das auf den Beginn einer
Feierlichkeit wartet, ziemlich wehrlos gegenüber der städtischen Informalität“
zu sein. Dies war speziell so, als Jugendliche das Monument als beliebten Treffpunkt
auswählten.[viii] Die Diskussion über die
Form und Funktion der Gedenkstätte bekam einen neuen Impuls als sich
herausstellte, dass der Marmor des Monuments sich durch die Luftverschmutzung
langsam verpulverisierte. Dieser Umstand entlockte dem damaligen Amsterdamer
Bürgermeister Patijn folgende Bemerkung: „Wenn sich die Erinnerung an die
Kriegsjahre verschleißt, darf dann nicht auch das Monument verschleißen?“
Schließlich wurde doch beschlossen das Monument in seiner alten Form zu
restaurieren. Der Umstand, dass es ausgerechnet eine deutsche Firma war, die
über die für die Restauration benötigten technischen Geräte verfügte, sorgte
für erneute Diskussionen. Die Restauration sollte nach Auskunft des
Gedenkbüchleins, das zu diesem Anlass herausgegeben wurde, verdeutlichen, dass
„das Monument vor allem eine Funktion erfüllt zur Bündelung der kollektiven
Erinnerung, in der es nicht mehr nur um den Krieg allein geht, sondern in
zunehmendem Maße um das Erinnern – es ist ein Moment der kollektiven Emotion in
einer Gesellschaft, die sonst keine Rituale mehr kennt.“ [ix]
Das Gedenken stand in den ersten Jahrzehnten nach 1945 stark unter dem
Einfluss eines Strebens nach nationaler Einheit. Die Regierung regte das
Bedürfnis nach einem nationalen Konsens über die Kriegszeit an. Das passte in
das Streben nach einer schnellen Verarbeitung der Kriegserinnerungen, welches
für die Zeit des Wiederaufbaus als sehr förderlich erachtet wurde. Unter den
Umständen des Kalten Krieges wurde außerdem eine Vereinigung aller nationalen
Kräfte als notwendig gesehen. Von den Niederlanden wurde das Bild einer ganzen
Nation im Widerstand gegen die Deutschen gezeichnet. Das Gedenken bezog sich
auf diejenigen, die im Zweiten Weltkrieg gefallen waren. Die Niederlande hatte
keine militärische Tradition und darum auch keine Tradition im Bauen von
Monumenten, weshalb diese meistens namenlose Menschen und Situationen
wiedergeben mussten. [x]
Die Regierung versuchte bestimmte Initiativen für die Errichtung von
Gedenkstätten einzuschränken indem sie schon im Oktober 1945 ein Gesetz erließ,
das eine amtliche Genehmigung für die Errichtung von Gedenkstätten verlangte.
Damit konnte man verhindern, dass zwar gut gemeinte, aber in amateurhafter
Heimarbeit angefertigte Gedenkstätten angefertigt wurden (ein Punkt, auf den
vor allem professionelle Bildhauer immer wieder hinwiesen) und man sorgte
dafür, dass der Zweck und die Ausführung der Monumente unter amtlicher
Kontrolle blieb.
Im Juni 1945 wurden Richtlinien erlassen und eine Zentrale
Gedenkstättenkommission, sowie zehn Zweigvereine davon in den Provinzen,
gegründet, die dem Minister als Ratgeber fungierten. Nationale Gedenkstätten
wurden wie folgt umschrieben: „zentrale Gedenkstätten zum Gedächtnis an
bestimmte Gruppen“. Sinn und Zweck war, dass – ausgenommen das Nationalmonument
auf dem Dam – noch zehn andere nationale Gedenkstätten folgen sollten: diese
sollten jeweils den Widerstand, den Kampf der Armee, Marine und
Handelsschifffahrt (auch durch alliierte Verbündete wie die Amerikaner und
Polen), die Vernichtung der Juden, und verschiedene andere Stadien der
Befreiung des Landes thematisieren. Am liebsten wollte man eine uniforme
Ausführung dieser Monumente, aber davon sah man bald wieder ab. Auffallen ist,
dass diese Monumente sich nur auf den Krieg in Europa bezogen: die Teile des
Reiches in Übersee fehlten vollkommen.
Zur Bestimmung der Monumente: 1957 sprach die Zentrale Kommission ein
Veto aus über eine örtliches Monument, das ihrer Meinung nach „zuviel
Selbstmitleid“ ausstrahlte. Ein Kriegsmonument hätte nur dann Sinn „wenn es an
zukünftige Generationen etwas Wichtiges mitteilt oder ihnen etwas vorhält, wenn
es mahnt, wachrüttelt, oder Menschen, Opfern gedenkt anstatt des Leids an sich;
wenn es Dank ausspricht an seine Helden, an seine Toten“.[xi] Zur Ausführung: zahllose Diskussionen wurden
geführt über die beste Herangehensweise um abstrakte Begriffe wie Freiheit und
Widerstand auszudrücken. Dabei ging es um Themen wie: Gegenständlichkeit vs.
Abstraktheit; christliche vs. humanistische Symbolik; nackt („der moderne
Mensch in seiner wesentlichsten Erscheinungsform“) vs. angekleidet („Nacktheit“
ist in den Augen vieler ein Synonym für „Unsittlichkeit“). Vielen Statuen
wurden noch nachträglich Hosen angezogen oder bekamen eine Fahne um die
pikanten Stellen.[xii]
Das Wirken der Gedenkstättenkomitees verschrieb sich vor allem der
Suche nach einer Symbolik, die das Leid in einen nationalen Rahmen versetzte
und zum Ausdruck brachte, dass dieses Leiden nicht vergebens war. Die Geschichte
von verschiedenen Gruppierungen in der niederländischen Gesellschaft wurde der
aktuellen Politik untergeordnet. Damit wurde gleichzeitig ein Problem
geschaffen: Gedenken aus politischer Motivation einer bestimmten Gruppe der
niederländischen Gesellschaft. Dies scheiterte schließlich aus zweierlei
Gründen: erstens daran, dass in einer kollektiven, abstrakten Erinnerung wie
sie in den Jahren 1950-1970 praktiziert wurde, Gruppen, die nicht zur
dominierenden Kultur gehörten durch den Rost fielen. Zweitens wurde anfänglich
nur der nationalen Einheit und dem Widerstand Aufmerksamkeit geschenkt, nicht
jedoch den Opfern. Zur ersten Gruppe gehörten die Kommunisten und Menschen aus
Niederländisch-Indien; zur zweiten Gruppe gehörten Verfolgte, Juden, Zigeuner und
Homosexuelle.
Ein nicht unwichtiger Teil des Widerstandes in den Niederlanden war
kommunistisch geprägt. Während des Kalten Krieges wurde jedoch der
kommunistische Beitrag am Widerstand plötzlich verdächtig und eine
Auseinandersetzung fand statt über die Frage der moralischen Urheberschaft für
den Februarstreik 1941 – der erste groß angelegte Streik gegen die
Judenverfolgungen. Lässt sich diese nun der Gemeinde Amsterdam oder dem CPN
zuschreiben, der den kommunistischen Widerstand verkörperte? Die Gedenkfeiern
an den Februarstreik fanden beim Standbild des Dockarbeiters statt, das seit
1952 auf einem zentralen Ort im ehemaligen Judenviertel von Amsterdam steht.
Bis 1966 gab es jeweils zwei Gedenkfeiern am 25. Februar: eine am Vormittag unter
Anwesenheit des Gemeinderates von Amsterdam (die Stadt, die dafür von Königin
Wilhelmina ein Epitheta Ornantes:
Heldenhaft, Entschlossen, Barmherzig erhielt) und die zweite am späten
Nachmittag mit dem Gedenkkomitee des Februarstreiks, das in der Zeit des Kalten
Krieges den Streik vor allem als Akt des kommunistischen Widerstandes
darstellen wollte. Das Volk hatte hier den Aufstand geprobt, nicht allein gegen
die Judenverfolgung, sondern gegen die deutsche Besatzung im allgemeinen. Durch
das Komitee wurde das Gedenken an den Streik immer in Verbindung gebracht mit
aktuellen politischen Fragen. Einen besonderen Stellenwert nahm dabei
sicherlich die ausgedehnte Diskussion über die Freilassung des letzten
deutschen Kriegsverbrechers aus dem Gefängnis in Breda ein (seit Ende der
sechziger Jahre); später kamen noch anderen Diskussionspunkte hinzu, wie z.B.
die Wettrüstung, die Unabhängigkeit der Gewerkschaften und der Vietnam-Krieg.
Dieser Ansicht gegenüber stand die Meinung, dass der Februarstreik eine spontane
Reaktion auf Unrecht war. Erst seit 1966 fanden beide Gedenkfeiern schließlich
gemeinsam statt. Beim Gedenken ging es jedoch um den Akt des Widerstandes als
solchen und nicht um die Opfer. Die Opfer der Verfolgung durch
Nationalsozialisten bekamen erst nach 1970 gesellschaftliche Aufmerksamkeit.[xiii] Übrigens: in den
letzten Jahrzehnten ist der Dockarbeiter – viel stärker noch als das
Nationalmonument auf dem Dam – zu einer lebendigen Gedenkstätte geworden, die
als Symbol gilt für den Widerstand gegen alle möglichen Formen von Unrecht.
Eine zweite Gruppe, die in der Erinnerungskultur übergangen wurde, war
jene Gruppe von Menschen – von europäischer, indo-europäischer oder
indonesischer Herkunft – die die Kriegsjahre im ehemaligen Niederländisch-Indien
erlebt hatten. Nach der Unabhängigkeit Indonesiens 1945 wurden sie in einer
Anzahl von 300.000 in den Niederlanden repatriiert, aber es dauerte lange bevor
man ihren Kriegserfahrungen Aufmerksamkeit schenkte. Die Erinnerung an den Dekolonisationskrieg
behinderte in starkem Maße die Erinnerung an die japanische Besetzung;
ebenfalls die Beziehungen zu Japan, das als ein wichtiger Verbündeter in der
Zeit des Kalten Krieges betrachtet wurde, standen einer Aufarbeitung der
Geschehnisse in Indonesien im Weg. Das Nationalmonument auf dem Dam enthielt
elf Urnen mit Erde aus den niederländischen Provinzen, aber keine aus
Indonesien. Die Geschichte, die der Einsetzung einer zwölften, indonesischen
Urne voranging ist eine unübertreffliche Illustration des Streites, der geführt
werden musste um die Erinnerungen an den Krieg in Ost-Asien in die nationale
Erinnerung zu integrieren. Schon 1947 versuchte der NIBEG, der
niederländisch-indonesische Bund von ehemaligen Kriegsgefangenen und
Internierten zu den elf Urnen in der Mauer des Nationalmonumentes eine zwölfte
Urne, mit Erde aus Indonesien hinzuzufügen. Dies gab jedoch unmittelbaren
Anlass zu Diskussionen. Die Auseinandersetzung ging um die Freiheit von
Indonesien und die Urne selbst schien auf unvermeidliche Weise zum Zentrum des
Konflikts zu werden. Außerdem konnte eine indonesische Urne in den späten
vierziger Jahren wohl kaum die Einheit des Reiches suggerieren. In dem Moment,
da die Urne schließlich doch eingesetzt wurde, war die Unabhängigkeitserklärung
mit Indonesien schon unterzeichnet und nur Eingeweihte wussten davon Bescheid,
dass sich in der Urne tatsächlich Erde von jenen Friedhöfen befand, an denen
Gefallene aus dem Dekolonisationskrieg begraben sind.[xiv]
Juden und andere Verfolgte: Veränderung in der Bedeutung des Gedenkens
in den sechziger Jahren
Während der sechziger Jahre veränderte sich die
niederländische Gesellschaft und die Erinnerung an den Krieg. Das nationale
Selbstverständnis der Niederlande als eine im Widerstand gegen die deutsche
Besetzung standhafte Nation wurde nachjustiert, zum Teil unter dem Einfluss
einer kritischen Nachkriegsgeneration, welche begann die überlieferten
Wahrheiten über den Krieg in Zweifel zu ziehen. Vielleicht hatten Ihre
spießbürgerlichen Eltern mehr Interesse an Ihrem eigenen Angelegenheiten, statt
als tapfere Wiederständler zu kämpfen.[xv]
Die Aufmerksamkeit für die Opfer des Krieges ist vor
allem auf den Einfluss der TV-Berichterstattung zurückzuführen. [xvi] Speziell auf die
Judenverfolgung wurde man durch den Eichmannprozess in Jerusalem (1961)
aufmerksam. Andere Dokumentationen wie „Die Besetzung“ von L. de Jong
(1960-1962) und „Verstehst Du jetzt warum ich weine?“ von Louis van Gasteren
(1969), die das KZ-Syndrom für eine breite Öffentlichkeit verständlich machen
konnte, bekamen ebenfalls hohe Einschaltziffern. Auch die Tatsache, dass die
drei wichtigsten historischen Studien über den Krieg von jüdischen Autoren
stammen (neben De Jong auch Presser, dessen eindruckvolles Werk „Untergang“
1966 erschien) trug zu einer neuen Betrachtungsweise über den Umfang und den Ernst der Shoa bei.[xvii]
Die fortschreitende Emanzipation der Gesellschaft,
die Liberalisierung der Gefühle und das Selbstbestimmungsrecht aus der Zeit
nach 1968 haben zur Aufmerksamkeit für die Opfer ebenso beigetragen. Die
Protestbewegung und der Widerstand gegen die Autorität führten dazu, dass gegen
1972 z.B. gegen die beabsichtigte Freilassung von de Drie aus Breda und 1971
gegen einen geplanten Staatsbesuch von Kaiser Hirohito in den Niederlanden demonstriert
wurde. Durch Unterstützung des beliebten Kabarettisten Wim Kan wurde dieser
Protest selbst zu einer unkontrollierten Bürgerbewegung. [xviii]
Im psychologischen Sinne hatte die Wiederkehr der
Erinnerungen an den Krieg auch mit dem Alter der Betroffenen zu tun, die nach
Jahren des harten Arbeitens für den Wiederaufbau nun auch die Zeit für ein
Zurückdenken und zur Reflexion fanden. Es ist auffallend, dass die Wiederkehr
der Erinnerung in gleichem Maße die europäische, wie die indonesische
Bevölkerungsgruppe betraf. Außerdem wurde nun auch zum ersten Mal deutlich,
dass es in der Erinnerung keine einheitlichen Auffassungen mehr gab. Die
Erfahrungen im Krieg waren vielmehr für bestimmte Gruppen spezifisch. Der
Übergang in diesem Prozess wurde 1971 durch die Errichtung einer Gedenkstätte
für die indonesischen Frauenlager markiert. Innerhalb eines traditionellen
Idioms von Heldenhaftigkeit und Mutterschaft konnte nicht verhehlt werden, dass
es hier um eine spezielle Gruppe ging (nämlich Frauen) und eine spezielle
Periode (1941-1945 und nicht die Zeit danach). [xix]
In vielen Gemeinden wurde noch lange festgehalten an
dem Bild einer Nation im Widerstand gegen die deutsche Besatzung. Obwohl
Amsterdam in der Vorkriegszeit das Zentrum der jüdische Gemeinschaft war, dauerte
es geraume Zeit, bevor eigene Gedenkstätten auch auf das Schicksal der Juden
hinwiesen. Die allererste „jüdische“ Gedenkstätte spiegelte Dankbarkeit an die
Stadt wider. Bei der Adaption der Hollandsche Schouwburg als Ort des Gedenkens
für die deportierten Juden, wollte man ursprünglich einen Text anbringen, der
das Schicksal der Juden in einen allgemeinen Kontext stellen sollte.
Erst in den achtziger Jahren entstand mehr Freiraum
für Gedenkstätten, die das Schicksal der Opfer wiedergaben: in 1978 wurde ein
Monument für die ermordeten Sinti und Roma errichtet, das „Zigeunermonument“.
Das Monument für den jüdischen Widerstand (1988) lässt erkennen, dass Juden
nicht nur passive Opfer waren. Inzwischen haben die meisten Konzentrationslager
ihr eigenes Monument. Homosexuelle wurden lange Zeit nicht als Opfer der Nazis
anerkannt, obwohl Hunderte von ihnen während der Besetzung arrestiert wurden.
1971 probierten Mitglieder einer Jugendorganisation für Homosexuelle aus
Amsterdam einen Kranz am Nationalmonument niederzulegen, wurden dabei aber von
der Polizei verhaftet. In den darauf folgenden Jahren durfte eine Delegation
der nationalen Homosexuellenorganisation COC am Gedenken teilnehmen, aber das
rief soviel Abneigung hervor, dass man nach einem eigenen Monument verlangte.
1987 wurde das Homomonument zur Erinnerung an die Vergangenheit und als Mahnmal
für jene, die noch heute verfolgt werden, errichtet. Das Monument besteht aus
drei Dreiecken, welche in Richtung des Nationalmonuments, des Anne Frank Hauses
und des Landesbüros des COC weisen und zwischen diesen drei Bauwerken stehen.[xx]
Mit der verstärkten Aufmerksamkeit für die Opfer
ging eine Veränderung in der Haltung gegenüber dem Widerstand einher. Wo immer
das möglich war, versuchte man des Widerstands und der Opfer in einem
gemeinsamen Monument zu gedenken (wie auch bei dem nationalen
Indonesien-Monument in Den Haag, das 1988 auf Initiative des ehemaligen
kommunistischen Widerstands als breit angelegtes Vorhaben übernommen wurde).
Im Jahre 1980 gab es bereits 1500 Monumente zur
Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und seitdem sind noch hunderte dazu
gekommen. [xxi]
Der Fall der Berliner Mauer 1989 bedeutete das Ende des Kalten Krieges, wodurch
sich auch internationale Beziehungen grundlegend veränderten. Mit der zunehmenden
Internationalisierung und Globalisierung wurden besonders individuelle, in
kleinem Maßstab gehaltene, lokale Initiativen immer wichtiger, so wie auch die
Aufmerksamkeit für andere Gruppen. Die gesellschaftlichen Veränderungen der
späten achtziger und neunziger Jahre haben ihre deutlichen Spuren in den
Gedenkstrukturen hinterlassen. Der neue Trend liegt in der Individualisierung
der Opfer – in der stets größer werdenden Reihe von Museen und Gedenkstätten
wird vor allem versucht den individuellen Opfern einen Namen, ein Gesicht und
eine Geschichte zu geben. Noch immer werden neue Kriegsopferverbände ins Leben
gerufen, die sich auf spezifische, oft kleine Zielgruppen richten. Gleichzeitig
werden auch noch immer Gedenkstätten an den Krieg errichtet – oft für
„vergessene“ Opfer (häufig durch kleine Erinnerungsplaketten) – oder Gruppen
(so wurden erst unlängst in einigen niederländischen Orten Straßennamen in
Neubaugebieten nach Widerstandskämpferinnen benannt). Gleichzeitig führte aber
das weitere Errichten von neuen Gedenkstätten immer wieder zu
gesellschaftlichen Diskussionen. Sowohl die Orte, als auch die Ideen dazu
wurden kritisiert. Im Falle des geplanten Dachau-Monumentes fand man sowohl den
Ort nicht passend (der würde zu viele Besucher anziehen) als auch die
Ausführung (jeder würde sich an dem Monument erschrecken).[xxii]
Die politische Diskussion über die Bedeutung der
Besatzung und des Dekolonisationskrieges in Indonesien ist ebenfalls noch nicht
ausgefochten. Die indonesische Bevölkerung in den Niederlanden ist gegenwärtig
diejenige Gruppierung, die sich am stärksten für finanzielle und ideelle
Kompensation für das im Krieg erfahrene Leid einsetzt. Jedes neue
Indonesien-Monument – und es gibt davon sehr viele – läuft Gefahr zum
Brennpunkt der Kontroverse zu werden. Ein jüngstes Beispiel dafür ist der
heftige Widerstand des VOMIL 1999, der sich dagegen aussprach bei dem geplanten
Indonesien-Denkmal auf dem römisch-katholischen Friedhof in Utrecht-Ost auch
den Opfern auf indonesischer Seite zu gedenken.
In letzter Zeit wird bei allen Formen von Gedenken
die Neigung sichtbar, den Toten ihre individuelle Identität wiederzugeben. Vor
allem bei den Juden, die kollektiv vernichtet wurden, wird dieser Aspekt
deutlich; auch deshalb, weil das Bewahren von Namen ein wichtiges Element des
jüdischen Glaubens ausmacht. Das im vergangenen Jahr enthüllte Denkmal für die
jüdischen Kindertransporte aus dem Lager Vught gibt fast alle Namen der 1200
deportierten Kinder wieder. Es gibt einen Projektantrag an einen der Holocaustfonds
zur Errichtung eines „Digitalen Monumentes der Jüdischen Gemeinschaft
Niederlande“. Damit soll aus einer großen Anzahl von historischen Quellen das
Leben der jüdischen Gemeinschaft vor dem Krieg auf dem Internet rekonstruiert
werden. [xxiii]
Hat Gedenken mit einem bestimmten Ort zu tun? In
einigen Fällen ganz bestimmt – den meisten Menschen geht es darum, dass sie
eine Gedenkstätte haben, die so viel als möglich auf die persönlichen
Erfahrungen eingeht, deren sie selbst gedenken.
Oft jedoch spielt der Ort eine nebensächlichere
Bedeutung – die Art des Gedenkens umso mehr. Es ist auffallend welch großen
Widerstand die nationale Gedenkfeier auf dem Dam bei vielen hervorruft: auf der
einen Seite durch den offiziellen Charakter der Feierlichkeiten, wodurch viele
Menschen der Meinung sind, dass die Politiker stärker im Bild sind, als die
Opfer selbst; auf der anderen Seite ruft der als zu militärisch kritisierte
Charakter des Gedenkens ebenso Kritik hervor. In den a-militärischen
Niederlanden wird bei Gedenkfeiern die Unterscheidung zwischen dem Militär als
Täter und den Bürgern als Opfern in einigen Gruppierungen viel strikter
gehandhabt als in anderen Ländern. Jemand sagte dazu: „Mit dem offiziellen Gedenken habe ich oft meine Schwierigkeiten. Es
ist so, als ob das was gesagt wird, nie eine wirkliche Antwort auf das Elend
von damals gibt. Und immer wieder werden Gruppen übergangen. Die Kränze für die
Toten wiegen das jahrzehntelange Leid der vergessenen und missachteten
Kriegsopfer nicht auf.“
Die auf privater Basis initiierte Gedenkkultur ist
also oft unvereinbar mit dem öffentlichen Gedenken. Dadurch entstehen eigene
Gedenkstätten, die in ihrer Form und ihrem Standort viel besser den
Bedürfnissen der eigenen Bevölkerungsgruppe entsprechen. Sie sind zwar Teil der
bestehenden Erinnerungskultur, aber gerade deswegen beliebt, weil sie große
Gruppen von Menschen anziehen, ohne offiziell zu sein. In Amsterdam gehören die
Monumente auf der Apollolaan und bei der Weteringschans zu dieser Kategorie.
Kleine Monumente mit weniger Menschen vermitteln die notwenige Ruhe zur
Meditation. Bei diesen Monumenten ist es außerdem möglich um Kinder
mitzunehmen, wodurch auch sie lernen zu gedenken und verstehen lernen warum.
„Einmal bin ich am 4. Mai auf dem Dam gewesen, mit
der Königin und all diesen Soldaten in den verschiedenen Uniformen. Das ist für
mich kein Gedenken. Da steckt keine Friedensgedanken dahinter. Ich gedenke
immer an der Apollolaan, hier in Amsterdam. Da steht ein prächtiges Denkmal für
die elf Menschen, die hier exekutiert wurden, nachdem Oelschlägel vom
Sicherheitsdienst ermordert wurde. Solch wahnsinnigen Dinge tat unsere Gruppe
nicht, wegen den eventuell folgenden Repressalien. Wenn ich hier stehe trete
ich siegessicher auf das Herz von diesem Oelschlägel. Er war der Mann, der mich
1943 verhört hat. An diesem Ort treffe ich auch alte Bekannte. Man weiß, dass
wir alle für das selbe gekämpft haben. Was ist Gedenken anderes als
Zusammensein? Sonst bist du alleine mit deinen Gedanken“ sagt eine Frau die dem bewaffneten kommunistischen Widerstand angehörte.[xxiv]
Wie in der Einleitung schon erwähnt, gedenken viele
Menschen hauptsächlich durch ihr Handeln. Auf diese Weise halten sie das
Vergangene lebendig und helfen mit die eigenen Erinnerungen zu verarbeiten.
Eine Frau erzählt in
den Schulen über den Krieg. „Ich finde es wichtig, die Schüler mit
einzubeziehen, anders ist der Abstand zu groß. Ich möchte auch immer wissen,
welches Monument in der Nähe ist und ob ihnen die Großeltern schon etwas über
den Krieg erzählt haben. Dann kommen die Geschichten meistens von selbst. Ich
erzähle nichts über Greueltaten, sondern gerade über die guten Dinge, wie die
Freundschaften und die Solidarität untereinander.“
Ein Mann geht jedes
Jahr in ein Pflegeheim in der Nachbarschaft. Er hält eine Ansprache, wobei er
vor allem von seinen eigenen Erlebnissen erzählt. „Dabei möchte ich die
Unmenschlichkeit des Nationalsozialismus deutlich machen. Ich finde es
schwierig, dass zu tun, aber ich betrachte es jedesmal als einen Sieg wenn ich
es getan habe.“
Für Menschen, die in
einem Konzentrationslager saßen bekommt das Gedenken auf dem Gelände des Lagers
eine besondere Bedeutung: „Ich habe dreimal an den Gedenkfahrten des Auschwitz
Comités nach Auschwitz und Sobibor teilgenommen. Das erste Mal als ich
zurückging wusste ich nichts mehr, doch als ich das Tor von Auschwitz-Birkenau
vor mir sah war es, als ob ein Film vor mir ablaufen würde. Alles kam zurück
ins Gedächtnis. Als ich das dritte Mal fuhr, wurde ich auch gebeten, den
Menschen etwas von dem zu erzählen, was passiert ist, aber ich spreche nicht
über mich selbst. Meine Freunde konnten nicht verstehen, warum ich wieder
mitging, aber wenn ich in Birkenau beim
internationalen Monument stehe, beim niederländischen Stein, dann denke ich:
hier stehe ich vor dem Grab meiner Eltern. Ich gehe doch auch zu dem Grab
meines Mannes? Ich weiß noch, dass meine Mutter als wir noch klein waren jeden
Mittwoch zum Grab ihrer Mutter ging. Zu erzählen, wie es in Auschitz gewesen
ist finde ich schwierig, aber trotzdem berührt es mich nicht so. Nur beim Monument bekomme ich Probleme. Ich
kann nicht verstehen, warum ich überlebt habe und die anderen nicht.“[xxv]
Gedenken ist für
Menschen, die den Krieg in Indien mitgemacht haben schwieriger, weil sie nicht
mehr an den Ort, wo alles passierte, zurückkehren können. Darüberhinaus nehmen
nehmen sie es den Niederländern übel, dass sie kein Interesse an dem haben, was
sie durchmachen mussten. „Ich nehme immer am Gedenken im Mai teil. Es schmerzt,
dass es hier so wenig Andacht an das gibt, was wir in Indien durchmachen
mussten. Nun ist es besser, es gibt spezielle Gedenkfeiern und
Kranzniederlegungen. Es ist gut, dass wir nun offiziell am 15. August halbmast
flaggen dürfen. Wenn dem Ende des Weltkriegs gedacht wird, dann muss auch die
ganze Welt miteinbezogen werden und nicht nur Europa. Natürlich habe ich mein
Gedenken. Ich habe probiert, meine Kinder so kritisch wie möglich zu erziehen.
Sie sind die Zukunft und ich will die Zukunft im Gedenken sehen.“[xxvi]
Mit der Publikation des Buches „Eine Stille die
spricht – Gedenken in Vielfalt“ wird der fortwährenden Individualisierung des
Gedenkens an die Kriegsereignisse Ausdruck verliehen. Es besteht aus fünfzig
Interview mit Menschen die aus fünfzig verschiedenen Perspektiven des Krieges
gedenken.
Das Buch wurde auf Initiative
des nationalen Komitees für den 4. und 5. Mai, des Anne Frank Hauses und von
ICODO geschrieben. Anlass waren ganz konkrete Veränderungen in der
Kultur des Gedenkens, nachdem es durch das zunehmende Alter der Betroffenen
immer schwieriger wurde diese bei Kranzniederlegungen lange stehen und warten
zu lassen. Darüber hinaus will das Buch ein Monument für die die Organisationen
der Kriegsüberlebenden sein. Es gibt in den Niederlanden derzeit 100
Organisationen für Kriegsopfer. Dabei handelt es sich um Lagerkomitees von
deutschen Konzentrationslagern, indonesischen Internierungslagern,
Widerstandsorganisationen und zahllose andere Gruppierungen, die zusammen die
Vielfalt des Erinnerns an den Krieg in den Niederlanden bewahren.
Diese Organisationen sind ein wichtiges Hilfsmittel, um mit den
Erfahrungen des Krieges umzugehen. Das gemeinsame Austauschen von Erfahrungen
die andere nicht gemacht haben kann bei der Verarbeitung des Krieges helfen.
Die Organisationen geben ihren Mitgliedern Hilfe und Beistand und treten im
zunehmenden Maße als Interessenvertreter auf. Kurzum, sie haben eine soziale
und eine psychologische Funktion. Die Mitgliederzahlen der meisten
Organisationen gehen aus demografischen Gründen zurück. Das heißt aber nicht,
dass sie eines Tages vollständig verschwinden werden: in einige Organisationen
tritt die zweite Generation ein.
Bleibt noch die abschließende Frage, fünfundfünfzig
Jahre nach Ende des Krieges: „Ab wann wird etwas Geschichte und verliert sich
aus dem aktiven Gedenken?“
Übersetzung: Stefan Rotter, und Florian Hahnfeldt
, Anne Frank Haus
[i] Karen Polak & Judith Schuyf: Een stilte die Spreekt. Herdenken in Diversiteit. Den Haag, SDU 2000. Ein Kurzfassung auf English ist publiziert worden zum Anlass der Amsterdamse Holocaust Conferentie im Mai 2001. A Telling Silence. Spectrums of Dutch remembrance. Amsterdam/Utrecht: Anne Frank Stichting, Nationaal Comité 4 en 5 mei, Icodo.
[ii] R&M, research and marketing; ongepubliceerd verslag van een onderzoek in opdracht van het tijdschrift Plus naar de mening over herdenken van 4 en 5 mei door jongeren en ouderen. 1999.
[iii] Een Stilte die Spreekt, p.103.
[iv] Sehe z.B. M. Bossenbroek, De Meelstreep. Terugkeer en Opvang na de Tweede Wereldorlog. Amsterdam, Bert Bakker 2001.
[v] Een Stilte die Spreekt, p. 47.
[vi] Julika Vermolen, ‘De vierde en de vijfde
mei: Herinnering aan en herdenking van de Tweede Wereldoorlog. Een overzicht
van de betekenis van en de vormgeving aan 4 en 5 mei’, Zesde Jaarboek van het Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie (Zutphen,
Walburg Pers, 1995) : 99.
[vii] Ries Rowaan, Herdenken in Duitsland. De centrale monumenten van de Bondsrepubliek 1949-1993. (Amsterdam, Boom, 1999)
[viii] Warna Oosterbaan, ‘ Herdenken op de Dam’ , Menno Landstra (ed) Het nationaal monument op de Dam (Amsterdam, Landstra & Spruijt, 1998), p. 24-5.
[ix] Idem, p. 27
[x] Louk Tilanus,
‘Monumenten. Het herdenken in brons en steen van de jaren 1940-45’, D.H.Schram & C.Gelion, Overal Sporen. De verwerking van de tweede
wereldoorlog in literatuur en kunst, (Amsterdam, VU Uitgeverij 1990), p.
65-77.
[xi] W. Ramaker en B. van Bohemen, Sta een ogenblik stil. Monumentenboek
1940-1945. (Kampen, Kok, 1980) p. 27.
[xii] Idem, p. 65.
[xiii] Susan Legène, ‘Dans van een dokwerker. Standbeeld en
geschiedbeeld van de februaristaking’, H.M. Beliën & M.H. van Hoogstraten
(eds), Herinnering en historische visies:
de betekenis van vijfenvijftig jaar Februaristaking in Amsterdam
(Amsterdam: Stichting Comité Herdenking Febrauristaking 1941, 1995), p. 36-62.
[xiv] Elsbeth
Locher-Scholten, ‘Van Indonesische urn tot Indisch monument: vijftig jaar
Nederlandse herinnering aan de Tweede Wereldoorlog in Azië’, Bijdragen en Mededelingen betreffende de
Geschiedenis der Nederlanden, 114/2, 1999:p. 192-222.
[xv] Hans Righart, ‘De oorlog als generatiebezit’, Zevende Jaarboek van het Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie (Zutphen, Walburg Pers, 1996), 150-1.
[xvi] Jan Bank, Oorlogsverleden in Nederland (Baarn
1993).
[xvii] Zie Ido de Haan , Na de ondergang: de herinnering aan de Jodenvervolging in Nederland 1945-1995 (’s-Gravenhage SdU, 1997). Es gab eine interessante Diskussion über das Wesen des Opferseins der Juden. Laut einigen Menschen (darunter auch der Amsterdamer Soziologe Bram de Swaan) verschwindet die politische Bedeutung der Shoah durch die Betonung des unschuldigen Opferseins der Juden.
[xviii] Elsbeth
Locher-Scholten, ‘Indische monumenten‘:
Remco Raben (ed), Beelden van de
Japanse bezetting van Indonesië. Persoonlijke getuigenissen en publieke beeldvorming
in Indonesië, Japan en Nederland. (Amsterdam/Zwolle, Waanders, 1999)
[xix] Locher-Scholten, ‘ van Indonesische urn’…etc. :p. 209.
[xx] Pieter Koenders, Het Homonument/The Homomonument (Amsterdam, Stichting Homonument 1987
[xxi] Wim Ramaker en Ben van Boheemen, Sta een ogenblik stil... Monumentenboek 1940-1945. Kampen Kok, 1980.
[xxii] Peter Brusse, ‘Mijn verdriet tegen jouw
verdriet’, De Volkskrant, 9 december
1995.
[xxiii] Lien Heyting, Ópdat
hun naam niet wordt uitgewist. Digitaal Monument voor vervolgde joden in Nederland’,
NRC-Handelsblad 28 january 2000, CS6.
[xxiv] Een Stilte die spreekt, p. 66
[xxv] Een Stilte die Spreekt, resp. 34,47 en 78
[xxvi] Een Stilte die Spreekt, p. 150/1.